07.08.2026
Der Spiegel im Garten
Einen Spiegel zu entdecken, dort im leicht verwilderten Garten, direkt hinter der Kirche, habe ich nicht erwartet. Umso größer meine Verwunderung.
An der Kirchenmauer lehnst du und ich erkenne sofort, deine besten Tage sind Geschichte, deine Reflexionsschicht abgestumpft, dein Glanz erblasst.
Und doch ziehst du mich magisch an.
Ich möchte ehrlich zu dir sein, du erblindest. Dir ist es nicht mehr möglich, die Welt perfekt abzubilden und im Spiegelglanz wiederzugeben. Aber braucht es das überhaupt, hat die Welt, die Unvollkommene, deinen Glanz verdient?
Schaue ich in dir hinein, erkenne ich mich kaum wieder. Gealtert erscheine ich, mit Flecken im Gesicht. Verkratzt und mit Schlieren. Ich sehe eine Person, die mir ähnelt, nur gute zehn Jahre älter. Auch die Natur um mich herum zeigt Spuren vom Herbst, obwohl es doch Frühsommer ist.
Was du mir zeigst, ist die Endlichkeit des Lebens, ein gespiegeltes Memento Mori. In der Undeutlichkeit deiner Blindheit schimmert die Wahrheit von morgen.
Die Kirchenwand, an der du lehnst, wird uns beide überdauern. Alle Kirchen sind monumentale Verbindungen zu Gott. Sie stehen Spalier für den jüngsten Tag, während du Spiegel und ich Mensch uns unserem Verfall hingeben. Die Vergänglichkeit ist der Beweis für die Perfektion der Natur, auch wenn sie dabei ihre Schönheit verschluckt.
Ich bin mir sicher, du hast auf mich gewartet, hier in diesem kleinen Garten.
Du Spiegel, Quelle der Erkenntnis.

